Mittelstand-ERP 2026: Vier Reports, ein unbequemes Muster

Mittelstand-ERP 2026: Vier Reports von DSAG, Trovarit, Bitkom und Microsoft zeigen ein Muster. Drei Planungsentscheidungen fuer SAP- und Non-SAP-Anwender.

Mittelstand-ERP 2026: Vier Reports, ein unbequemes Muster

Der CFO eines Maschinenbauers aus dem Sauerland legt einen Stapel Reports auf den Tisch. Oben der DSAG-Investitionsreport, darunter die Trovarit-Anwenderstudie und ein ausgedrucktes Bitkom-Chart. Ganz unten eine Mail von Microsoft zu den neuen Dynamics-365-Preisen. Der IT-Leiter gegenüber hat einen Angebotsvergleich in einem grünen Ordner dabei: SAP Private Edition, Dynamics 365 Business Central, dazu ein NetSuite-Pitch aus der vergangenen Woche. Vier Datenquellen, drei ERP-Optionen, eine Frage, die nur leise im Raum steht: Wer liest diese Berichte eigentlich aus Sicht des Anwenders und nicht aus Sicht der Hersteller?

Die Szene ist erfunden, die Reports sind es nicht. Zwischen Herbst 2024 und Frühjahr 2026 sind vier Studien erschienen, die man nebeneinander legen sollte, bevor man 2026 über ERP und KI entscheidet. Sie stammen aus unterschiedlichen Lagern und kommen mit unterschiedlichen Methoden. Trotzdem zeigen sie dasselbe Muster.

Vier Reports, ein Muster

DSAG-Investitionsreport 2026, veröffentlicht am 26.02.2026, 198 SAP-Anwender aus DACH. Nur 37 Prozent wollen ihre S/4HANA-Migration bis Ende 2027 abschließen. 62 Prozent richten ihre Investitionsplanung nicht oder nur schwach am SAP-Zielbild aus Business Suite, BTP und BDC aus. Und: 97 Prozent der produktiven KI-Implementierungen laufen mit Non-SAP-Lösungen. Einschränkung: ausschließlich SAP-Bestandskunden, die sich in der Anwendergruppe organisieren.

Trovarit “ERP in der Praxis 2024/25”, veröffentlicht am 25.09.2024, die zwölfte Runde der Studie. Über 1.700 DACH-Anwenderunternehmen bewerten mehr als 40 ERP-Lösungen herstellerübergreifend. Gesamtzufriedenheit 1,80 in Schulnoten, Anbieter-Service nur noch 1,96 mit leicht fallender Tendenz. Rund 29 Prozent messen KI im ERP-Umfeld hohe Relevanz bei, eine Verdopplung gegenüber der Vorrunde. Dieser Report ist das wichtigste Gegengewicht zum DSAG-Fokus, weil er Microsoft Dynamics, proALPHA, Infor, Oracle NetSuite, Sage und Epicor gleichberechtigt neben SAP bewertet.

Bitkom “Digitalisierung der Wirtschaft 2025” zusammen mit dem Digital Office Index 2024, repräsentativ befragte 603 Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden. 98 Prozent setzen ein ERP-System ein, ein Plus von 3 Prozentpunkten gegenüber der Vorrunde. 41 Prozent nutzen aktuell KI, 2024 waren es noch 17 Prozent. 53 Prozent geben an, ihre Digitalisierung nicht sauber steuern zu können. Das ist die Makro-Sicht auf den gesamten Mittelstand, nicht auf eine Herstellerbasis.

Microsoft Dynamics 365 Business Central Preiserhöhung, angekündigt am 06.05.2025, wirksam zum 01.11.2025. Essentials steigt von 70 auf 80 US-Dollar pro Nutzer und Monat, also um 14,3 Prozent. Premium von 100 auf 110 Dollar, plus 10 Prozent. Device-Lizenzen von 40 auf 45 Dollar, plus 12,5 Prozent. Es ist die erste Preisanpassung seit über fünf Jahren. Das ist kein Studienbefund, sondern ein Marktsignal. Non-SAP-Standardsoftware wird teurer, und zwar genau in dem Moment, in dem die Budgets kippen.

Das Muster ist nüchtern zu formulieren. Der Mittelstand modernisiert ERP und führt KI ein, aber er tut beides zunehmend entkoppelt von den Roadmaps seiner Hersteller. 98 Prozent nutzen ein ERP, 41 Prozent setzen KI ein, quer über die Hersteller messen 29 Prozent der Anwender KI im ERP-Umfeld hohe Relevanz bei. Gleichzeitig sinken IT-Budgets bei 24 Prozent der SAP-Anwender, und die größte Non-SAP-Alternative hebt ihre Preise um zweistellige Prozentsätze an. Das ist kein Einzelbefund einer Anwendergruppe. Das ist ein Strukturbild.

Was die Reports gemeinsam sagen

Wer diese vier Datenpunkte als Vendor-Bashing liest, verfehlt den Punkt. Die Reports beschreiben einen pragmatischen Mittelstand, der unter Budget-Druck selektiv investiert und sich den Luxus herstellerzentrierter Planung nicht mehr leistet. Die 24 Prozent sinkenden IT-Budgets bei SAP-Anwendern und die Microsoft-Preisanpassung treffen aus zwei Richtungen auf denselben Tisch. Wer als Geschäftsführer vor der Wahl zwischen einer S/4HANA-Private-Edition und einem Dynamics-365-Upgrade steht, rechnet beide Optionen über zehn Jahre und nimmt, was trägt.

Die zweite gemeinsame Botschaft der Reports ist die Reife-Lücke zwischen Vendor-KI und freier KI. Bei DSAG arbeiten nur 3 Prozent der Anwender produktiv mit SAP Joule oder SAP AI Core. Trovarit misst 29 Prozent KI-Relevanz herstellerübergreifend, Bitkom zählt 41 Prozent produktive KI-Nutzung im Gesamt-Mittelstand. Die Lücke zwischen dem Einsatz von Vendor-KI und freier KI wie OpenAI, Claude oder Microsoft Copilot ist keine Nachzügler-Frage, sondern eine Werkzeugwahl. Gartner prognostiziert in seinem Magic Quadrant Cloud ERP 2025 trotzdem, dass bis 2027 rund 62 Prozent der ERP-Ausgaben KI-Funktionen enthalten. Der Trend ist klar, die Hersteller-Bindung ist es nicht.

Maschinenbau ist im DSAG-Sample mit 12 Prozent die stärkste Branche, bei Bitkom stehen Industrie und Handel vorn. Das Muster hängt also nicht an einer Branche, es zieht sich durch. Wer genau hinschaut, sieht dieselbe Logik, die auch in ERP-Migration: 5 Fehler, die Projekte scheitern lassen dokumentiert ist. Risikoaverse Planung schlägt ambitionierte Roadmap.

Drei Planungsentscheidungen, die jetzt anstehen

Wer als Geschäftsführer oder IT-Leiter den Stapel auf dem Schreibtisch liegen hat, steht vor konkreten Weichen. In meiner Arbeit zur IT-Strategie und Systemauswahl taucht jede davon gerade in fast jedem Gespräch auf, unabhängig vom aktuellen ERP.

1. Migrationspfad wählen

SAP-seitig sind die Optionen bekannt: On-Premises, Private Edition bis 2033, Public Cloud mit GROW with SAP. 42 Prozent der DSAG-Befragten bleiben on-prem, 22 Prozent wählen Private Cloud, 6 Prozent Public Cloud. Non-SAP-seitig liegt die Entscheidung anders, aber nicht einfacher. Bei Microsoft Dynamics 365 Business Central rechnet sich die On-Premises-Variante gegenüber der SaaS-Lizenzierung seit der Preisanpassung neu, gerade bei größeren Nutzerzahlen. Wer heute von proALPHA oder einer älteren Infor-Installation auf einen Greenfield umsteigt, muss zwischen NetSuite, Dynamics und einer IFS-Cloud abwägen, und Gartner hat NetSuite und IFS im aktuellen Magic Quadrant neu in den Leader-Quadranten gehoben. Das bedeutet mehr ernsthafte Alternativen, nicht weniger. In allen Fällen gilt: Die TCO-Rechnung über zehn Jahre schlägt den Listenpreis, und der Zeitpuffer entscheidet über den Stresslevel im Projekt. Wer nichts entscheidet, entscheidet sich für den Drift.

2. Dual-Vendor-KI-Strategie bewusst designen

Die Frage ist nicht, ob Sie freie KI einsetzen. Das tun bei Trovarit quer über die Hersteller 29 Prozent mit hoher Relevanz, bei DSAG laufen 97 Prozent der KI-Projekte ohnehin außerhalb des SAP-Stacks. Die Frage ist, wie sauber die Integration aussieht. Wer OpenAI oder Microsoft Copilot an einen SAP-Datenbestand koppelt, trifft dieselben Grundentscheidungen wie jemand, der ein eigenes Modell an Dynamics, Infor oder NetSuite hängt. Zuerst die Stammdatenfrage: wo sie liegen und welche Schnittstelle die Last trägt. Danach die Architekturfrage: wie austauschbar die KI-Schicht bleibt, wenn in zwei Jahren ein besseres Modell verfügbar ist. Eine Dual-Vendor-Architektur heißt nicht, alles zweimal zu bauen. Sie heißt, die Datenhoheit im ERP zu behalten und die KI-Schicht über standardisierte APIs wie SAP Integration Suite oder Dataverse anzubinden. So bleiben Sie 2028 handlungsfähig, wenn ein Modell besser wird als das heute gewählte. Die Grundsätze dazu habe ich in meiner KI- und Automatisierungsberatung ausformuliert, und in KI ohne ERP-Anbindung ist teures Spielzeug durchgerechnet, warum die Integration teurer ist als das Modell selbst.

3. Eigenes Zielbild formulieren

Der schmerzlichste Befund des DSAG-Reports ist die Zahl 62. 62 Prozent der SAP-Anwender richten ihre Planung nicht mehr am SAP-Zielbild aus. Das ist kein SAP-Problem, das ist ein strukturelles Signal. Niemand plant mehr rein herstellerzentriert, auch nicht Microsoft-, Oracle- oder Infor-Anwender. Wer sein eigenes Zielbild formuliert, beschreibt zuerst, wie die kommenden fünf bis sieben Jahre im eigenen Geschäft aussehen sollen. Welche Prozesse bleiben Kern, welche fallen weg. Erst dann folgt die Frage nach Standardsoftware, Eigenentwicklung und Integration. Welche Bestandteile des SAP-, Microsoft- oder NetSuite-Portfolios dazu passen, klärt sich zum Schluss, nicht am Anfang.

Was die Reports nicht sagen

Bei aller Klarheit lohnt ein Blick auf die Grenzen. Der DSAG-Report spiegelt ausschließlich die SAP-Bestandskundenbasis, ist also kein Querschnitt des Mittelstands. Trovarit liefert die herstellerübergreifende Tiefe, den detaillierten Cloud-On-Prem-Split legt die Studie aber nur im Bezahl-Vollbericht offen. Öffentlich bleibt die Aussage qualitativ. Bitkom ist repräsentativ für Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden, sehr kleine Betriebe fallen durch das Raster, obwohl sie bei ERP-Einsteigern eine wichtige Gruppe sind. Die Microsoft-Preisanpassung ist dokumentiert und zitierbar, aber sie ist kein Studienbefund, sondern eine einzelne Marktaktion. Preisbewegungen bei Infor, Sage, IFS oder proALPHA sind zum Zeitpunkt dieses Artikels nicht öffentlich quantifiziert. Wer seine Migrations- und KI-Entscheidung auf einem Durchschnitt begründet, handelt so unscharf wie jemand, der ein Auto über einen ADAC-Durchschnittspreis kauft. Die Reports geben Richtung. Eine Bestandsaufnahme im eigenen Unternehmen ersetzen sie nicht.

Häufige Fragen zu den ERP-Reports 2026

Welche Deadline gilt für mich, wenn ich nicht SAP einsetze?

Außerhalb der SAP-Welt gibt es keine einzelne Stichtags-Deadline, dafür mehrere leise tickende Uhren. Microsoft hat Dynamics 365 Business Central zum 01.11.2025 teurer gemacht und wird diesen Schritt mit neuen Funktionen begründen. Gartner berichtet, dass SAP Business ByDesign 2026 für Neukunden eingestellt wird, und viele Infor- und proALPHA-Installationen kommen aus Customizing-Zeiten, die sich heute kaum noch wirtschaftlich weiterführen lassen. Wer nicht SAP einsetzt, plant entlang des eigenen Release-Zyklus und der Herstellerkommunikation, nicht entlang einer externen Deadline.

Ist Dynamics 365 BC mit der Preiserhöhung noch wettbewerbsfähig?

Ja, aber die Rechnung ändert sich. Essentials bei 80 US-Dollar pro Nutzer pro Monat bleibt gegenüber einer SAP S/4HANA Public Edition wirtschaftlich, verliert aber gegenüber On-Premises-Lösungen mit bestehender Lizenzbasis. Entscheidend ist die Nutzerzahl: Ab etwa 50 Vollnutzern lohnt sich der Vergleich zwischen SaaS und einer hybriden Architektur. Unter 20 Nutzern bleibt Dynamics 365 BC in vielen Fällen die einfachste Lösung, gerade weil die Microsoft-Integration mit Teams, Power BI und Copilot stabil funktioniert.

Wann muss ich die KI-Vendor-Entscheidung treffen?

Jetzt, aber nicht endgültig. Legen Sie 2026 fest, welche Schnittstellen Sie für KI standardisieren, und entkoppeln Sie diese Schicht vom konkreten Modell. Wer heute OpenAI über Azure einsetzt, sollte die gleichen Prompts 2027 auch auf Claude oder ein lokales Modell umlegen können. Die Wahl des Modells ist reversibel, die Wahl der Integrationsarchitektur fast nicht.

Welcher Report ist für meinen Fall am relevantesten?

Als SAP-Anwender im DACH-Raum ist der DSAG-Report der Pflichttext. Als Nicht-SAP-Anwender fahren Sie mit dem Trovarit-Hauptbericht besser, weil er Ihren konkreten Hersteller im Detail bewertet. Für eine Board-Vorlage zur Digitalisierungsstrategie im Gesamtunternehmen liefert die Bitkom-Studie die belastbarsten Makrozahlen. Die Microsoft-Preisanpassung ist relevant, sobald Dynamics 365 BC auf der Shortlist steht. Im Idealfall liegen alle drei Studien auf dem Tisch, wenn die Entscheidung fällt.


Nächster Schritt

Sie wollen wissen, welche ERP- und KI-Kombination in Ihrem Unternehmen wirklich trägt? Ich lese die vier Reports gegen Ihre konkrete Situation und baue daraus ein Zielbild, das von Ihrem Geschäft kommt, nicht von einer einzelnen Hersteller-Roadmap.

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Quellen und Links: DSAG-Investitionsreport 2026 · Trovarit “ERP in der Praxis 2024/25” · Bitkom “Digitalisierung der Wirtschaft 2025” · Microsoft Dynamics 365 BC Pricing Nov 2025 · Gartner MQ Cloud ERP 2025 bei CX Today

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Über den Autor René Pfisterer

10+ Jahre Erfahrung in ERP-Integration, Datenmigration und Prozessautomatisierung für den Mittelstand. Spezialisiert auf DATEV, SAP und KI-Implementierung.

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