Digitalisierung im Mittelstand: Warum die IT-Abteilung der falsche Projektleiter ist
In 9 von 10 Mittelstaendlern leitet die IT das ERP-Projekt. In 7 von 10 Faellen scheitert es. Wer stattdessen fuehren sollte. Praxisanalyse.
“Das ERP-Projekt macht die IT.” Dieser Satz fällt in fast jedem Mittelständler, wenn es um eine ERP-Migration, eine DATEV-Automatisierung oder ein CRM-Projekt geht. Klingt logisch — es geht ja um Software. Also IT-Thema.
Genau das ist der Fehler. ERP, CRM, DATEV-Schnittstelle — das sind keine IT-Projekte. Es sind Organisationsprojekte mit technischer Komponente. Dieses Verständnis ist ein zentraler Teil meiner Beratung zu ERP-Projekten & Systemen. Wenn die IT führt, wird über Schnittstellen diskutiert statt über Geschäftsprozesse. Über Server statt über Arbeitsabläufe. Über Lizenzen statt über Wertschöpfung.
Warum ERP-Projekte unter IT-Leitung im Mittelstand scheitern
ERP-Migration unter IT-Leitung
Ein Fertigungsunternehmen mit 250 Mitarbeitern migriert sein ERP. Der IT-Leiter übernimmt die Projektleitung. Nach drei Monaten gibt es eine perfekte Serverlandschaft, ein sauberes Berechtigungskonzept und eine Migrationsstrategie für die Datenbanken. Was fehlt: eine Antwort auf die Frage, wie der Einkauf zukünftig bestellen soll, wie die Fertigung ihre Aufträge plant und wie das Controlling seine Auswertungen bekommt.
Der IT-Leiter hat die Technik gelöst — und die Fachbereiche vergessen. Das Projekt verzögert sich um sechs Monate, weil die Prozessdefinition nachgeholt werden muss. Die Fachbereiche fühlen sich übergangen. Der Widerstand gegen das neue System wächst.
DATEV-Projekt unter IT-Administration
Ein Unternehmen will die DATEV-Schnittstelle automatisieren. Der IT-Admin bekommt den Auftrag. Er beschäftigt sich mit Datenformaten, Exportroutinen und Schnittstellentechnik. Nach vier Monaten funktioniert die technische Verbindung einwandfrei. Nur: Die Buchungslogik stimmt nicht, weil niemand die Buchhaltungsleiterin eingebunden hat. Die Kostenstellenzuordnung ist falsch. Die Schnittstelle wird wieder abgeschaltet.
CRM-Einführung unter IT-Regie
Der IT-Leiter wählt ein CRM aus. Technisch erstklassig, sauber integriert, API-fähig. Der Vertrieb bekommt eine Schulung am Go-Live-Tag. Nach drei Monaten nutzen 20 % der Vertriebler das System. Die anderen pflegen ihre Kontakte weiter in Excel. Warum? Weil niemand gefragt hat, wie der Vertrieb tatsächlich arbeitet. Das CRM bildet den Idealprozess ab, nicht den realen. Die IT hat die Software implementiert. Den Vertriebsprozess hat niemand verändert. Genau dieses Muster beschreibe ich auch in ERP-Frust im Mittelstand: Warum ein neues System das alte Problem nicht löst.
Warum IT-Leitung so logisch klingt — und trotzdem falsch ist
Die IT-Abteilung als Projektleitung zu wählen, ist der Pfad des geringsten Widerstands. Software = IT. Wer sollte es sonst machen?
Aber genau hier liegt das Missverständnis.
IT optimiert Technik. Ein guter IT-Leiter sorgt für stabile Infrastruktur, saubere Schnittstellen und sichere Systeme. Das sind notwendige Voraussetzungen — aber nicht die Hauptaufgabe eines Digitalisierungsprojekts.
Digitalisierung optimiert Geschäftsprozesse. Die entscheidenden Fragen in einem ERP-Projekt sind: Wie soll der Bestellprozess aussehen? Welche Freigabestufen brauchen wir? Wie fließen die Daten vom Angebot bis zur Rechnung? Das sind keine IT-Fragen. Das sind Fachbereichsfragen.
Der IT-Leiter kann diese Fragen nicht beantworten — nicht weil er inkompetent ist, sondern weil er die operativen Prozesse nicht im Detail kennt. Er kennt die Datenflüsse, aber nicht die Entscheidungslogik dahinter. Er weiß, welche Felder das System hat, aber nicht, welche Information der Einkäufer wirklich braucht, um eine Bestellung auszulösen.
Die richtige Projektleitung fuer ERP-Einfuehrungen
Die Fachwelt führt, die IT unterstützt
Die Projektleitung gehört in die Hand desjenigen, der die Prozesse verantwortet, die das System abbilden soll. Bei einem ERP-Projekt ist das typischerweise:
- Der kaufmännische Leiter / CFO bei finanzgetriebenen Projekten (Buchhaltung, Controlling, DATEV)
- Der Operations-Leiter / COO bei prozessgetriebenen Projekten (Fertigung, Logistik, Einkauf)
- Der Vertriebsleiter bei CRM- und Vertriebsprojekten
- Ein dedizierter Projektleiter mit Entscheidungskompetenz und Zugang zur Geschäftsführung
Die IT-Abteilung ist dabei ein unverzichtbarer Partner — für Infrastruktur, Datenmigration, Schnittstellentechnik und Systemadministration. Aber sie ist der technische Enabler, nicht der Business-Entscheider.
Was der richtige Projektleiter mitbringen muss
- Entscheidungskompetenz. Wer Prozesse verändern soll, muss Prozesse verändern dürfen. Ein Projektleiter ohne Befugnis ist ein Moderator.
- Kapazität. Mindestens 50 % der Arbeitszeit für das Projekt. ERP-Projekte scheitern, wenn die Projektleitung nebenbei läuft. Auch bewährte Standards wie PRINCE2 oder PMI betonen: Teilzeit-Projektleitung ist ein Risikofaktor.
- Verständnis für das operative Geschäft. Nicht die Technik entscheidet über Erfolg oder Misserfolg, sondern die Frage, ob das System den realen Arbeitsalltag besser macht.
- Kommunikationsfähigkeit. Der Projektleiter ist die Brücke zwischen Fachbereich, IT und Geschäftsführung. Wer nur eine Sprache spricht, verliert die anderen.
Digitalisierungsprojekte im Mittelstand: Fachbereich vor IT
Vor dem nächsten Digitalisierungsprojekt
Stellen Sie sich drei Fragen:
1. Wer verantwortet heute die Prozesse, die das Projekt verändern wird? Diese Person sollte das Projekt leiten oder zumindest als fachlicher Sponsor auftreten.
2. Hat diese Person die Kapazität und die Befugnis? Wenn nein, schaffen Sie beides — bevor das Projekt startet, nicht währenddessen.
3. Was ist die Rolle der IT? Definieren Sie klar: Die IT ist für Infrastruktur, Datenmigration und technische Umsetzung zuständig. Die Prozessdefinition liegt beim Fachbereich.
Der häufigste Einwand — und warum er nicht zieht
“Aber unsere Fachbereichsleiter haben keine IT-Kompetenz.” Müssen sie auch nicht. Sie brauchen keine IT-Kompetenz, um zu definieren, wie ein Bestellprozess aussehen soll. Sie brauchen einen IT-Partner, der ihre fachlichen Anforderungen technisch umsetzt. Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Fazit
Auch Bitkom-Studien zur Digitalisierung im Mittelstand bestätigen: Digitalisierungsprojekte scheitern selten an der Technik. Sie scheitern an der Organisation. Und die häufigste Organisationsentscheidung, die zum Scheitern führt, ist: die IT macht das.
Die IT soll mitmachen — aber nicht führen. Wer Prozesse verändern will, muss die Menschen einbinden, die diese Prozesse verantworten. Alles andere ist Technik ohne Geschäftsverständnis. Und das endet vorhersehbar.
Nächster Schritt
Sie planen ein ERP-, CRM- oder DATEV-Projekt und fragen sich, wer es leiten sollte? Ich helfe bei der Projektorganisation, der richtigen Rollenverteilung und einer Struktur, die zum Erfolg führt.
→ Erstgespräch vereinbaren — kostenfrei
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