Cloud-Exit im Mittelstand: Warum erste Unternehmen ihre ERP-Systeme zurückholen
Explodierende SaaS-Kosten und Vendor Lock-in: Erste Mittelstaendler holen ihre ERP-Systeme zurueck. Der Business Case fuer Cloud Repatriation. Jetzt lesen.
Fünf Jahre lang war die Botschaft eindeutig: Wer nicht in die Cloud geht, wird abgehängt. Der Bitkom Cloud Monitor bestätigte Jahr für Jahr steigende Nutzungszahlen. Analysten, Berater, Software-Anbieter — alle predigten dieselbe Richtung. On-Premise galt als Auslaufmodell. Wer SAP, Microsoft Dynamics oder ein branchenspezifisches ERP noch selbst betrieb, war wahlweise mutig oder rückständig.
Jetzt dreht sich die Stimmung. Nicht laut, nicht auf Konferenzbühnen. Aber in den Besprechungsräumen der IT-Leiter. Die Frage lautet nicht mehr “Wann gehen wir in die Cloud?” — sondern: “Lohnt sich das noch?” Diese strategische Bewertung ist ein Kernthema meiner Beratung zu ERP-Projekten & Systemen.
Was passiert ist: Die Cloud-Rechnung kommt
Die ersten drei Jahre einer Cloud-Migration fühlen sich meistens gut an. Die Infrastruktur ist modern, Updates kommen automatisch, der Admin-Aufwand sinkt. Doch dann passiert etwas: Die Kosten steigen. Schleichend, aber stetig.
Typische Kostentreiber, die ich in Projekten sehe:
- Jährliche Lizenzerhöhungen von 8–15 %, die vertraglich kaum verhandelbar sind
- Nutzungsbasierte Abrechnung, die bei wachsendem Datenvolumen oder Userzahlen explodiert
- Add-on-Kosten für Funktionen, die im On-Premise-Modell im Standard enthalten waren
- Egress-Fees — Gebühren für den Datenexport aus der Cloud, die erst beim Exit sichtbar werden
Ein Mittelständler mit 200 ERP-Usern zahlt heute für ein Cloud-ERP schnell 300.000–500.000 Euro pro Jahr. Für ein System, das er vor fünf Jahren für deutlich weniger on-premise betrieben hat. Die Total Cost of Ownership über zehn Jahre ist in vielen Fällen höher als beim Eigenbetrieb — und das bei weniger Kontrolle.
Der Vendor Lock-in: Warum Rausgehen schwerer ist als Reingehen
Die Cloud-Migration war technisch aufwendig, aber strategisch einfach: Der Anbieter hatte ein starkes Interesse, den Wechsel zu unterstützen. Der Rückweg ist das Gegenteil.
Daten liegen in proprietären Formaten. Customizings, Workflows und Integrationen sind an die Cloud-Plattform gebunden. Die Datenqualität wird dabei oft zum unterschätzten Risikofaktor. Ein Export in ein anderes System ist möglich — aber aufwendig und teuer. Genau das ist gewollt.
APIs, die nur in eine Richtung funktionieren. Viele Cloud-ERPs bieten hervorragende Import-Schnittstellen. Der Export vollständiger, konsistenter Datensätze? Deutlich weniger komfortabel.
Vertragliche Bindungen. Mehrjährige Laufzeiten, Mindestabnahmen und Kündigungsfristen, die einen schnellen Wechsel verhindern. Wer aus der Cloud raus will, muss das 12–18 Monate vorher planen.
Cloud Repatriation: Kein Rückschritt, sondern Kalkül
Wenn ich von “Cloud-Exit” spreche, meine ich nicht: Server im Keller aufstellen und zurück ins Jahr 2015. Die Projekte, die ich aktuell begleite, sind differenzierter.
Das hybride Modell gewinnt
Die meisten Unternehmen holen nicht alles zurück. Sie holen das ERP-Kernsystem zurück — Finanzbuchhaltung, Warenwirtschaft, Fertigung — und betreiben es auf eigener Infrastruktur oder bei einem regionalen Hoster. Collaboration-Tools, CRM und Kommunikation bleiben in der Cloud.
Das Argument ist ökonomisch, nicht ideologisch. Ein ERP-System mit stabilen Userzahlen und planbarem Datenvolumen läuft on-premise günstiger. Ein Collaboration-Tool, das von flexiblen Nutzerzahlen lebt, bleibt besser in der Cloud.
Der Business Case in Zahlen
Ein konkretes Beispiel aus einem aktuellen Projekt: Ein Fertigungsunternehmen mit 180 Usern zahlt für sein Cloud-ERP 420.000 Euro pro Jahr. Die Rückführung auf eine gehostete Lösung kostet einmalig ca. 280.000 Euro (Migration, Lizenzen, Infrastruktur). Die laufenden Kosten danach: 160.000 Euro pro Jahr. Break-even nach 14 Monaten.
Diese Rechnung geht nicht in jedem Fall auf. Aber sie geht deutlich öfter auf, als die Cloud-Anbieter zugeben möchten.
Die Voraussetzungen: Was vor dem Exit zu klären ist
Ein Cloud-Exit ist kein Impulskauf. Wer ernsthaft plant, muss drei Fragen beantworten.
1. Wie sauber kommen die Daten raus?
Prüfen Sie frühzeitig, welche Export-Möglichkeiten Ihr Cloud-Anbieter bietet. Stammdaten, Bewegungsdaten, Dokumenten-Archiv, Customizing-Einstellungen. Machen Sie einen Testexport — nicht in zwei Jahren, sondern jetzt. Je früher Sie wissen, wo die Lücken sind, desto besser können Sie planen.
2. Welche Infrastruktur ist realistisch?
Eigener Server im Unternehmen ist eine Option, aber nicht die einzige. Managed Hosting bei einem deutschen Anbieter bietet Kontrolle ohne den Betriebsaufwand. Colocation im Rechenzentrum ist eine weitere Variante. Die richtige Wahl hängt von Ihrer IT-Mannschaft und Ihren Sicherheitsanforderungen ab. Der BSI C5-Kriterienkatalog bietet eine gute Orientierung bei der Bewertung von Hosting-Anbietern.
3. Wie sieht der Migrationsplan aus?
Ein Cloud-Exit ist ein Migrationsprojekt — mit denselben Risiken wie die ursprüngliche Cloud-Migration. Datenmigration, Testphasen, Parallelbetrieb, Schulung. Planen Sie 6–12 Monate ein. Und machen Sie nicht den Fehler, den viele bei der Cloud-Migration gemacht haben: zu knapp kalkulieren. Die typischen Stolperfallen bei ERP-Migrationen habe ich in meinem Beitrag ERP-Migration: 5 Fehler, die Projekte scheitern lassen detailliert aufgearbeitet — die gelten für den Cloud-Exit genauso.
Was das für die IT-Strategie bedeutet
Der Cloud-Exit-Trend ist kein Anti-Cloud-Manifest. Er ist ein Zeichen dafür, dass der Mittelstand erwachsen wird im Umgang mit Cloud-Technologie.
Die erste Welle war emotional: Cloud ist modern, On-Premise ist alt. Die zweite Welle ist analytisch: Was rechnet sich, was gibt uns Kontrolle, was passt zu unserer Unternehmensgröße?
Nicht jedes Unternehmen sollte aus der Cloud raus. Aber jedes Unternehmen sollte nachrechnen. Und wer nachrechnet, wird in einigen Fällen feststellen, dass der Kaiser keine Kleider trägt.
Fazit für die Praxis
Die Frage ist nicht Cloud oder kein Cloud. Die Frage ist: Welche Workloads gehören wohin? Ein ERP-Kernsystem mit stabilen Anforderungen und hohem Datenvolumen ist on-premise oder im Managed Hosting oft wirtschaftlicher. Flexible, kollaborative Anwendungen profitieren weiterhin von der Cloud.
Wer vor einer Vertragsverlängerung steht, sollte jetzt die Total Cost of Ownership ehrlich berechnen — inklusive der Kosten, die der Cloud-Anbieter nicht auf die erste Seite des Angebots schreibt. Die Ergebnisse sind oft überraschend.
Nächster Schritt
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